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Eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien
Erneuerbare Energien sind das Big Business der kommenden Jahrzehnte, Leittechnologie einer grünen industriellen Revolution. Davon kündete jüngst die aufsehenerregende Meldung, dass ein Firmenkonsortium unter Beteiligung der Münchner Rück, der Allianz, Siemens und RWE die Gewinnung von Solarstrom in der Sahara in Angriff nehmen will. Während ein Teil der Ausbeute für die ökonomische und soziale Entwicklung der Region vorgesehen ist, soll der andere Teil rund 15 % des europäischen Strombedarfs decken. Veranschlagt sind Investitionen von 400 Milliarden Euro. Auch wenn „Desertec“ noch viele technische, politische und finanzielle Hürden überwinden muss, könnte das Projekt einen wichtigen Beitrag zur vollständigen Versorgung Europas aus erneuerbaren Energiequellen darstellen. Solarstrom aus der nordafrikanischen Wüste dürfte nicht nur ökonomisch absolut konkurrenzfähig sein; thermische Solaranlagen bieten zugleich Speichermöglichkeiten, die es erlauben, die produzierte Energie rund um die Uhr je nach Bedarf abzurufen. In jedem Fall zeigt „Desertec“, dass mittlerweile auch hartleibige Energiekonzerne wie RWE in den erneuerbaren Energien ein aussichtsreiches Geschäftsfeld sehen.
Doch wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: Solarstrom aus der Sahara ist nicht die Patentlösung für eine klimaverträgliche Energiezukunft Europas. Wenn wir die Auswirkungen des Klimawandels auf ein gerade noch verträgliches Maß reduzieren, die Technologieführerschaft bei den erneuerbaren Energien behalten und damit weiter Arbeitsplätze in Europa schaffen wollen, führt kein Weg daran vorbei, die gesamte Elektrizitätsversorgung Europas auf erneuerbare Energiequellen umzustellen. Das ergibt sich schon aus den klimapolitischen Zielen der Europäischen Union: Eine Reduzierung der CO-2-Emissionen in Größenordnungen von 80-90 Prozent erfordert Null-Emissionen bei der Stromerzeugung. Dazu kann „Desertec“ nur einen komplementären Beitrag liefern. Der Löwenanteil des Strombedarfs muss bis Mitte des Jahrhunderts aus erneuerbaren Energiequellen in Europa selbst kommen.
Das Potenzial dafür ist vorhanden. Diverse wissenschaftliche Studien zeigen, dass Europa seinen Elektrizitätsbedarf komplett – und zu akzeptablen Kosten - mit erneuerbaren Energien decken kann, wenn die erforderlichen politischen Weichen gestellt werden. Zurzeit heben wir nur knapp 11 % des ökonomisch nutzbaren Potentials an erneuerbaren Energiequellen. Bisher gibt es auf europäischer Ebene lediglich Vereinbarungen über mittelfristige energie- und klimapolitische Ziele, die von den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten erreicht werden sollen. Woran es fehlt, ist ein schlüssiges Gesamtkonzept, eine gesamteuropäische Strategie für den Übergang von der fossilen zur erneuerbaren Energiewirtschaft. Auf dem Gebiet der Elektrizitätsversorgung herrscht weiterhin nationaler Partikularismus, statt die europäischen Potenziale gemeinsam zu nutzen.
Da der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint, ist zunächst ein transnationales Verbundnetz notwendig, um erneuerbare Energiequellen in ganz Europa miteinander kombinieren zu können. So kann etwa die Stromversorgung Deutschlands mit Strom aus skandinavischen oder alpinen Wasserkraftwerken gesichert werden, wenn an der Nordseeküste Flaute herrscht, kombiniert mit flexibel einsetzbaren Biogas-Kraftwerken und einer Vielzahl dezentraler Erzeugungsanlagen im Inland. Ein intelligent steuerbares Verbundnetz bildet die Infrastruktur für einen europäischen Binnenmarkt für Regenerativstrom. Um die technische Innovation voranzutreiben, benötigen wir länderübergreifende Forschung sowie die Errichtung gemeinschaftlicher Demonstrationsanlagen – ähnlich wie dies Euratom auf dem Feld der Atomenergie praktiziert. Kurz und gut: für diese regulativen und koordinierenden Aufgaben auf gesamteuropäischer Ebene braucht es eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien. Sie soll die Eigenanstrengungen der Staaten nicht ersetzen, sondern ihnen einen gemeinsame Richtung geben und die Kooperation fördern.
Ein solches Gemeinschaftswerk wird auch der europäischen Integration neuen Schub verleihen. Nach der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ in den 50er Jahren und „Euratom“ in den 70er Jahren ist es jetzt an der Zeit, eine neue Kraftanstrengung zu unternehmen, um Europa zum Vorreiter der Energiewirtschaft des 21. Jahrhunderts zu machen.
